Ich bin Hakkari – fern, einsam, vergessen,
die Augen wie die Sonne, gebrochene Flügel
wie eines Drahtvogels.

Ich bin Hakkari – Flecken, Flecken, Punkte, Punkte in den Melodien,
der beim göttlichen Fest unter einem Blumenregen steht.

Ich bin Hakkari – in dem Zauberspiegel das tausendfache Echo.
verliebt in das verblichene Gelb, Blau und Violett.

Ich bin Hakkari – Riza Topal sein wirklicher Name.
sein Geist ist in das Goldwasser der Märchen getaucht.

Halim Yağcıoğlu

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

Rudi Tröger

Als Riza Topal sein Studium bei Rudi Tröger in München begann, ging sein mit aller Energie verfolgter Wunsch nach der Ausbildung an einer Kunstakademie in Erfüllung, Rückblickend sieht Topal seinen Weg als Künstler zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend festgelegt.

Rudi Tröger war für ihn der großzügige Lehrer, der den individuellen Stil seiner Schüler unterstützte und z. B. half, das Malen nach dem Modell zu perfektionieren und die malerische Palette zu erweitern. Aus dieser Periode stammen Bilder mit ganz zart Ton in Ton gehaltenen farblichen Abstufungen, die Anklänge an den Kubismus zeigen wie der „Botanische Garten“.

Darüberhinaus sah der Maler eine wichtige Schulung in seinen privaten Studien der großen Meister der europäischen Bildtradition in den Gemäldesammlungen Münchens. Doch obwohl er sich intensiv mit europäischer Malerei auseinandersetzte, als Bildthema fanden europäische Szenen kaum Eingang in seine Malerei.

Von Reisen in fernere Länder liegen stapelweise Skizzenbücher und Gouachen vor. Der Schwerpunkt liegt auf Studien von Menschen und Landschaften. Sehr vielfältig ist sein Stil bei den Bleistiftzeichnungen, Es gibt Blätter, wo Topal rasch mit wenigen Linien die charakteristischen Züge der ihm gegenübersitzenden Menschen skizziert, das Typische der jeweiligen Landschaft einfängt.

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

Zahlreiche Zeichnungen, von denen einige als Vorstudien für die Gemälde anzusehen sind, andere durchaus für sich allein stehen können, beschäftigen sich mit kurdischen Motiven. Mit schwungvollem Strich gelingt es dem Künstler, die ausgreifenden Bewegungen in Szenen wie „Straßenkampf“ zu fixieren und den Betrachter die körperliche Anspannung der beteiligten Menschen spüren zu lassen.

Hintersinnig humorvoll und sehr genau beobachtend sind die Studien von alten Männern aus Kurdistan wie der „Teppichbärtige Mann“*, dessen Bart
zu einem mit ornamentalem Dekor versehenen Teppich wächst.

Dieselbe spontane Unmittelbarkeit ist auch den vielen Kaltnadelradierungen eigen, die überwiegend kurdische Motive behandeln. Meisterhaft beherrscht Topal die Technik. Mit zarten Strichen konzipiert er seine Figuren und setzt durch Kreuzschraffuren Akzente. Neben einigen heiteren kleinen Szenen wie der „Maulbeerpflückerin“ und dem „Baum voller Vögel vor einem Dorfhintergrund“ wird vielfach die Qual der Menschen im Krieg. Ihre Erschütterung und ihr Schmerz geschildert.

Das individuelle Leiden gibt Topal mit dieser Intensität nur in der Druckgraphik schwarz auf weiß wieder.
Er empfand wohl eine nüchtern, auf jede Farbe verzichtende, abstrahierende Technik in besonderem Maße angemessen.
Die auf den Ölbildern dargestellten Menschen mit ihren massigen, erdigen Leibern und Gliedern wirken ruhig, fast statisch.

Es sind abgesehen von wenigen Portraits meist allgemeine Situationen aus Kurdistan veranschaulicht, keine an spezifische Orte oder Zeitungen gebundene Themen.
Verschiedene Momente wie die strenge Reihung der Figuren, die zeitlosen langen Gewänder und der Verzicht auf individuelle Gesichtszüge verweisen auf den von Topal angestrebten überzeitlichen „Archaismus“.

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

Die Thematik entspricht dem etwaigen Lebenskreislauf seiner bäuerlichen Heimat mit ihren Festen und alltäglichen Situationen wie ihn Topal in seinem Gedicht „Hülman“ beschreibt:

Hulman
(1988)

Hulman bır xatır anînên kemd,
Ew tên û cardın dıbın taze.
Mın da heldıdın ew jiyin xemd
Nu bıbın, ewên dixweze.

Gundê Hulman, gundê bavkalan.
Kevırın, darın der cıh gışt nas.
Wırda çêbûm, bın stêrkên asman
Dawırtın ew xwestî jîna bêqîyas.

Wek ba sera çû, bu tev derbaz
Ew gışt xatırayên mında razın.
Ew rizq xwerınên xêrbêr nîyaz,
Wek derbazî rojên du û pêrin.

Ew malên kerpêç, dîwarên ber,
Her malek tev zarok dê û bav
Jîyînek kür derbaz bû, çü wer
Tevî mal, newal û cokên rıjav.

Zevîyên bereket ser heldıdan.
Bı dar, bostan cure cur xwerın,
Zarck bûn genc, genc bûn tev kalan.
Bırek dıhatın, yê dın bardıkırın.

Dem dadıwırt wek çemên av.
Çı ne dıma, dısan ajtaze dıhat ser.
Kalan bardıkırın bı westî gav,
Dısan jînê heldıda lı bın ber.

Çı bûbû dewra daîmî û daîm,
Xılas nedıbû va jîyînleyîstîk.
Leyîstıkek kewne pêsqewîm,
Wek leyîst leyîstıka çavgırtık.

Hulman mêjuya mın da dıger.
Tevdıger bı pê melevanan.
Wek stêrkên walada tevdıger,
Mın da lebıtın ew kewna mêhvan.

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

Das kurdische Paar, der Hochzeitszug, die Reitergruppen, Frauen in kurdischer Tracht, die Maulbeerpflückerin, Bauern im Feld, die Vertriebenen.

Der Maler bringt keine orientalisch opulenten Schilderungen, er verliert sich nie in epischer Breite. Sparsamkeit in der Verwendung der Mittel und Konzentration auf das Wesentliche charakterisieren auch die Ölbilder.

Die Bildgegenstände sind über die Jahre gleichgeblieben, aber die Menschen, die zunächst mit hellen Farben in einem nur skizzierten Umfeld wiedergegeben wurden, wie in „Bianka und ich als Syrabend und Khece“ sind über die Jahre immer schwerlastiger geworden. Die rahmenden Konturen zeigen kontinuierlich tiefere, absetzende, isolierende Schwärze. In der letzten Phase legt Topal den Hauptakzent darauf, die Figuren plastischer erscheinen zu lassen; die Farben treten weitgehend zurück. Die Formate werden stetig größer und die abgebildeten Figuren gewaltiger.

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

1989 - Yilmaz Güney - 76x106 cm - Öl auf Leinwand
Yilmaz Güney

Es scheint, als ob der Künstler die kurdischen Menschen je intensiver zu bannen versucht, je weiter sie sich von ihm entfernen.

Schon seit vielen Jahren konnte er seine Heimat nicht mehr besuchen. Die Inspirationsquelle für seine Malerei – kurdische Volksmassen – hat er lange nicht mehr gesehen. Ein Gedicht wie „Zerbrochen“ beschreibt diesen Konflikt. Topal sieht sich als Vogel, dessen Flügel gebrochen sind und als in tausend Splitter zerbrochener Spiegel.

Bemühungen, Kurdistan als Bildgegenstand neu zu fassen, belegen zwei Bilder aus diesen Jahren. Topal löst sich vom Beschwören einer überzeitlichen Vision und bringt Aktualität in seine Gemälde ein, indem er auf Photographien zurückgreift. Eine Aufnahme war die Vorlage für ein Portrait von Yılmaz Güney. Der bedeutende kurdische Filmregisseur, eine Schlüsselfigur nicht nur der kurdischen Kulturszene der Achtziger Jahre, wendet sich mit grober Lebhaftigkeit und Aufmerksamkeit dem Betrachter zu. Drei kleine Szenen im Hintergrund des Bildes deuten auf seine anklagenden Filme.

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

der Massaker in Halabdscha - 1988 - 180 cm x 200 cm - Öl auf Leinwand

Das Massaker von Halabja, das grausame Sterben der Zivilbevölkerung veranlasste Topal, von Pressephotos ausgehend,

mit wenigen düsteren Farben in einem surreal wirkenden Bild die Häuserruinen, die verkrüppelten Bäume und die niedergestreckten wehrlosen Körper der Menschen dem Betrachter vor Augen zu führen.

Generell will sich Topal nicht zur Tagespolitik äußern. Die kriegerischen Konflikte sind nur indirekt angesprochen in den vielen Bildern der Obdachlosen, wo die Menschen stumm geworden, eng zusammengerückt sind.

Es ist dem Künstler ein wichtiges Anliegen, die Schönheiten von Kurdistan und die alten bäuerlichen Traditionen in seinen Gemälden aufleben zu lassen, um den Landsleuten im Ausland auch ein liebevolles Bild von der Heimat zu vermitteln.
Topal erschafft nicht nur visuelle Bilder von Kurdistan. Seit 1975 sind zahllose Gedichte entstanden, die der vielseitige Künstler in seiner Muttersprache verfasst. Das kleine allein für Gedichte bestimmte Buch begleitet ihn zusammen mit dem Skizzenblock in der Jackentasche überall hin.

In kraftvoller Sprache versucht er, dem Leser seine Gedanken über ausdrucksstarke Wortbilder mitzutellen. Von großer Spannbreite sind die Themen. Indem Topal spielerisch fabuliert und auf der anderen Seite seine Ängste und Sorgen ausformuliert, versucht er seine Einsamkeit zu überwinden. Gleichzeitig bietet er seinen kurdischen Lesern die Anregung, die jeweils eigene Situation zu überdenken. Beständig fühlt sich Topal als Vermittler aufgerufen.

So übersetzt er deutsche Texte ins Kurdische und überträgt seit kurzem auch seine Gedichte in die deutsche Sprache.
Eingebunden in seine den ganzen Tag ausfüllende Arbeit als Lehrer ist Topal vom kommerziellen Erfolg unabhängig. Aber, angetrieben von dem starken Willen, seine Sicht von Kurdistan durch Bilder und Texte darzustellen und zu vermitteln, verwendet er hierfür all seine Einkünfte. Er nützt jede freie Minute und bringt alle Energien in sein reichhaltiges Werk ein bis zur körperlichen Erschöpfung.

Die Wohnung des Künstlers ist ein einziges großes Atelier und Bilderlager. Bis unter die Decke hängen die Gemälde.
In Regalen stehen neben vielen Büchern, die von seinen kunsthistorischen und literarischen Interessen zeugen, tausende von Skizzen, tausende von Gedichten und tausende von Erfindungen in großen Bänden sorgfältig aufbewahrt. „Vielfältig, wie heute nur noch wenige zu sein wagen“ *, schrieb Doris Schmidt 1984 über den kurdischen Künstler.

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

Schon als Kind fiel Topal nicht nur mit seinen Zeichnungen auf, sondern zugleich durch seine kleinen Erfindungen.

Bis heute entwirft er immer wieder neue Apparaturen von der Vorzeichnung über das Pappmodell bis hin zur Ausführung in Holz. Das Spektrum reicht vom Modell des sich selbst drehenden Rades bis zum Unterfangen, das ganze Sonnensystem zu veranschaulichen.

Topal liebte es, als Junge vom Dach seines Elternhauses aus, die Sterne zu betrachten. Während seines ganzen Lebens: hat sich mit naturwissenschaftlicher und philosophischer Literatur zum Universum beschäftigt; vielleicht um Distanz zu bekommen zu einer beängstigenden Gegenwart. Hin und wieder findet seine Faszination am Sternensystem Eingang in seine Malerei – wohl als Zeichen der Hoffnung.

Gisela Barsche

*Aus dem Katalog „Ein kurdischer Maler – Haus der Kulturen der Welt“

Wer in der Fremde lebt, bewahrt sich in den Tiefen der Erinnerung etwas von seiner Heimat. In der Fremde, viele Künstler haben das auch im 20. Jahrhundert gesagt,

fanden sie leichter den Ausdruck für ihre Kunst, ihre Form, auch für die Wahrheiten des eigenen Volkes. Wenn diese Wahrheiten an äußerer Aktualität verlieren, nehmen sie mythische, märchenhafte Züge an und ihre Bedeutung wächst in der fremden, aus anderen Quellen gespeisten Welt.

Worte, die Dichter in der Fremde finden; Bilder, die Maler in der Fremde malen, entstehen fast immer aus dem Gefühl der Einsamkeit. Mit der Entfernung von der angestammten Realität wächst die künstlerische Wirklichkeit des ihnen selbst Vertrauten, entstehen Bilder ganz unsentimental aus der Sehnsucht nach der verlorenen Gemeinsamkeit.

In solchen Bildern ist das Detail nicht mehr wichtig, sondern die archetypische Situation. Jene Bilder von Bauern auf der Flucht, die Riza Topal gemalt hat, sind Menschen seiner Heimat. Topal malt nicht die Vertreibung, nicht das Zurücklassen aller Habe, nicht die Entwurzelung. Er malt, was auf der Flucht Bestand hat: die Beziehungen in der Familie, das Zusammenrücken in der Kälte, das Teilen der kärglichen Mahlzeit. Wichtig sind hier der Mensch, die Liebe, die Hingabe, der Rest von Lebensfreude und die Geborgenheit aus gemeinsamer Herkunft.

Seit Riza Topal in Deutschland lebt – er wurde 1934 in einem Dorf nördlich des oberen Euphrat in der Ost-Türkei geboren – hat ihn zentral beschäftigt, was er „archaisch“ nennt. Es ist die Lebensform lange vor der Industriegesellschaft, die er auch in Ägypten, in Marokko und in Südafrika gefunden hat. Das Archaische in seinen Bildern ist auch daran zu erkennen, dass er den Menschen zuweilen Züge jenseits des Individuellen gibt.

Die Ursituation der Familie in ihren verschiedenen kulturellen Varianten erscheint darin über alle nationalen und rassischen Trennungen hinweg verbindlich.

Topal, der seine verstorbene deutsche Freundin mehrfach porträtiert hat, malte sie einmal auf einer Bank, neben der Mona Lisa sitzend. Gefühle sind hier stärker als die Zeit. Schönheit wird unvergänglich: das Kunstwerk, gewissermaßen ins Leben zurückgeholt, und das Leben im Bild erhalten ihren Rang.

Schon als Kind fiel Riza Topal durch seine Zeichnungen auf.
Lange, ehe er nach Deutschland kam, war er im Malen ausgebildet und unterrichtete an einer Schule. Als Künstler ist er auch in der Türkei bekannt. In Deutschland reihte man ihn anfangs
– nicht zurecht übrigens — in die Reihe der „Naiven“ ein. Von 1969 bis 1974 studierte Topal an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Rudi Tröger, heute ist Topal Lehrer an einer Volksschule und er beklagt, so wenig freie Zeit zum Malen zu haben. Schon früh, noch in seiner orientalischen Heimat, hat Topal sich mit Malern der klassischen europäischen Moderne auseinandergesetzt.

Topal schreibt auch Märchen und Gedichte – in seiner Sprache, sie stehen ungedruckt bei ihm im Atelier und füllen ein Brett in seinem Bücherregal. Er zeichnet, Vorstudien zu Bildern und Zeichnungen mit Einzelbedeutung bestehen nebeneinander.

Er radiert und ist dabei so sparsam, dass alle Figuren leicht, wie im Licht schwebend, sich bewegen. Zuweilen entwirft er Apparate und Maschinen; seine Konstruktionsskizzen füllen mehrere Bände. So still Topal ist, so intensiv arbeitet er, vielseitig wie heute nur noch wenige zu sein wagen. Seine Phantasie lässt kein Gebiet aus.

Die Stimmung in Topals Bildern, in Zeichnungen und Radierungen wirkt auch da, wo die Menschen eigentlich auseinander-laufen, mit sich selbst befaßt oder in sich selbst versunken sind, harmonisch und ausgeglichen. Seine Landschaften malt Topal mit Vorliebe gegen Abend, bei einbrechender, die Farben differenzierender Dämmerung. So vermittelt er etwas von einer der westlichen Welt fremden Poesie, und diese Poesie hält die auseinanderdriftende und sich kritisch und expansiv aufführende westliche Welt merkwürdig auf Distanz. Weltfremd ist die Malerei von Riza Topal darum nicht. Daß Harmonie als Grundstruktur zerrissenen Lebens und zerrissener Zusammenhänge glaubhaft dargestellt werden kann, haben Westeuropäer fast schon verlernt – vielleicht, weil sie keine Beziehung mehr zum Archaischen haben.

Doris Schmidt – deutsche Kunsthistorikerin, Übersetzerin und Journalistin

Komposition - Öl auf Leinwand - 160 cm x 160 cm

Reng
(1976)
Sê bavin,
Sê navin:
Sor, Zer, Sin.

Berdan hev,
Sin û Sor:
Derket mor.

Sor U Zer,
hev sidin:
Roj anîn.

Zer û Sin,
Hev civîn :
Kesk anîn.

Ew sê kur,
Weki nûr:
Roj, kesk, mor.

Ew sê bav,
Berdan hev
Bûn belav,

Ew sê reng,
Bûn sed reng.
Gist xerqi
U burqi.

Wa alem
Dem û dem
Tim û tim
Xemilin
Bi navên
Sê rengan
Sor, Zer, Sin

Farben
(1976)

Drei Väter,
Drei Namen:
Rot, Gelb, Blau.

Rot und Blau,
Zusammengetan:
Violett

Rot und Gelb
Zusammen gebunden:
Orange.

Gelb und Blau
Zusammengebracht:
Grün.

Diese drei Söhne,
Wie das Licht:
Orange, Grün, Violett.

Diese drei Väter,
Zusammengetan
Breiten sich aus.

Aus drei Farben
Werden hundert Farben
Glänzen und leuchten
Allesamt.

Diese Welt,
Allezeit
Schmückt sich mit
Drei Namen
Drei Farben:
Rot, Gelb, Blau.

Übersetzt von Peter Bumke

Bauer im Feld, 1973, Gouache, 72 x 52 cm
Bauer im Feld

Kurdische Worte-kurdische Bilder
Über den Künstler Riza Topal

in kurdischen Dörfern, auch dem, in welchem Riza Topal aufgewachsen ist, findet eine Herstellung und Betrachtung von Kunstgegenständen nicht statt, hat bildende Kunst insgesamt keinen Platz. Bäuerliche Plackerei und Kargheit des täglichen Lebens gestattet die Verwendung bildhafter Motive bloß als vereinzelte und schmückende Aufhebung ihrer selbst: Die Vögel und Blumen in den Stickereien junger Mädchen, verfertigt während der Jahre der Vorbereitung auf die Hochzeit, die Muster im dem gewebten Kelims, die nur vor Gästen ausgebreitet werden, die Schwerter, Gewehre und anderen Insignien auf Grabsteinen für wichtige oder besonders betrauerte Verstorbene.

Andere, von außen hereingetragenen Bildern haben inzwischen in einer Ecke fast jedes anatolischen Gastraums einen Platz gefunden: Postkarten mit religiösen Motiven, etwa dem Abrahamsopfer, Zeitungsausschnitte, die politische und militärische Führer, Sänger und Filmschauspieler zeigen, dazu Paßphotos abgewanderter oder zum Militär eingezogener Söhne. Doch sind sie hier gerade gut genug, die Nichtgültigkeit eines allgemeinen islamischen Bilderverbots zu belegen. Eine Verbindung zum traditionellen Zierrat ziehen die Bauern selbst, indem sie heute die alten Grabsteinbilder mitunter auch „Photo“ nennen.

Die zentralen kurdischen kulturellen Ausdrucksformen nehmen ganz andere Wege. Sie beruhen völlig auf dem gesprochenen Wort und mündlich überlieferten Texten, die verbindliches Vorbild auch für Neuschöpfungen sind, etwa Epen, Balladen, Liebes- und Trauerliedern, Märchen, Sprichworten und Kindereimen. Alle wichtigen und vorstellbaren Ereignisse, die Vielfalt menschlicher Handlungsweisen und ihre Bewertung, eine Fülle von Stimmungen, von Freude und Verehrung, Klage und Traut zu Sehnsucht und sich nicht erfüllender Hoffnung, finden Ihre Darstellung in verschiedenen Formen des Rezitativs. Musik begleitet es nur, wie auch den Tanz. Geschick im Umgang mit dem Wort ist in einer derart rhetorischen Kultur nicht nur eine anerkannte Tugend, sondern auch von lebenspraktischem Vorteil.

Wie kann einer, der aus solch scheinbar bilderlosem Wortreichtum kommt, Maler werden wollen? Besonderheiten der Biographie könnten zwar vielleicht die Radikalität der Absonderung, jedoch niemals ihre Richtung und die Entfaltungsmöglichkeiten, die in ihr lagen, erklären. Zudem hat Topal, der im Dorf mit Zeichnen und dem Modellieren von Tonfiguren als Bastler und Erfinder begonnen hatte und Malerei erst später in Reproduktionen türkischer Lehrbücher entdeckte, seine Verwurzelung in der sprachbestimmten kurdischen Kultur nie aufgegeben, sie in der Fremde womöglich noch verfestigt. Er ist einer der wenigen kurdischen Intellektuellen, die Gedichte auf Kurdisch schreiben, gewiß keine Selbstverständlichkeit angesichts des seit Jahrzehnten herrschenden Verbots der kurdischen Sprache in der Türkei und der dadurch fast völlig verhinderten Entwicklung des Kurdischen zu einer Schriftsprache. Woher also die Bilder?

Zu den Gemeinplätzen des Orientalismus, einer Spielart des Exotismus, gehört die Behauptung, die literarischen Ausdrucksweisen der islamischen Welt seien „bilderreich“. Wer kurdischen übrigens auch türkischen – Balladen, Erzählungen und Liedern lauscht, ist dagegen beeindruckt von ihren lakonischen, manchmal auch formelhaften Andeutungen. Man wird sich gewahr, dass die kargen Worte Bilder evozieren sollen, dass die kargen Worte Bilder evozieren sollen, dass die Zuhörer aus ihnen Bilder herstellen, innere. Diesen anwesend-abwesenden Bildern verleihen Melodien die Farbe.

Unter solchen Umständen stellt die Entscheidung, diese Bilder nach außen zu wenden, nach ihnen gemäßen Darstellungstechniken außerhalb der eigenen Kultur zu suchen und sie zu erlernen, Maler zu werden also, eine ganz einzigartige Beziehung zur Welt her oder setzt sie voraus. Indem Topal die europäischen Stilmittel und Maltechniken in der Fremde, in der er sich ansiedelt, sich aneignet und sie immer mehr meistert, schwindet notwendig die selbstverständliche, alltägliche Vertrautheit mit den Gegenständen seiner Malerei und verdeutlicht sich zur Traumhaftigkeit. In ihr verwandelt und verstärkt sich die ursprüngliche Spannung der anwesend-abwesenden Bilder: Die geschlossenen Augen sehen einen Traum, dessen Verwirklichung das gemalte Bild ist. Man versteht, wie Topal sich durch seine Bilder in der Welt orientiert, sich in ihr behauptet und Anerkennung unbeirrt nur über Bilder beziehen mag. Sogleich entspricht diese Spannung auch einem entscheidenden Grundzug der Wanderarbeit seiner anatolischen Landsleute, ihrer provisorischen Dauerhaftigkeit.

Hier zu leben, doch immer in Bezug auf ein räumlich und zeitlich zunehmend Fernes, a la longue die Vertauschung von Fremdheit und Vertrautheit in Gang.
Topal, dem die Heimat versperrt ist, sucht und findet Verwandtes, ein gewisses Licht und Armut etwa, in anderen Mittelmeerländern und in Afrika. Mit ganz wenigen – besonders bemerkenswerten – Ausnahmen hält seine Hand nicht fest, was sein Auge hier in Deutschland sieht. Stattdessen lädt er uns zur Betrachtung einer anderen Welt ein.

Insofern ist sein Umgang mit Farbe und Licht, die Aura, die seine Figuren durch sie gewinnen, anderes als bloßes Stilmittel eines Koloristen. Wer die Gesichtszüge und Körperhaltungen der kurdischen Menschen, ihrer Häuser und Zelte und das Licht, in das Topal sie taucht, betrachtet, sieht sich in die Stimmungen der Lieder seiner Heimat versetzt. Indem Topal seine Figuren völlig ruhig werden lässt, ihr Leben verlangsamt, werden seine Bilder zum Gegenstück des Pathos der bewegten Verzweiflung und Anklage, der uns sein Landsmann Güney in seinen Filmen aussetzt. Aus den Obdachlosen-, aber auch auf den Gruppenbildern, macht nur die selbstverständliche ruhige Trauer des Malers die Einsamkeit erträglich, die, zwischen den unverbundenen, den Blick nach innen gekehrten, erdigen und wuchtigen Gestalten herrscht. Sie sehen mitunter so aus, als lauschten sie Weisen, die wir nicht hören.

Das Erschrecken über den Schmerz der Einsamkeit wird von der Sehnsucht eingehüllt. In den Worten des kurdischen Malers Riza Topal- “ Wir sind entfernt, doch unser Sehnen gibt uns Glück.“

Peter J. Bumke

"There is no there there" Ausstellung im MMk- Frankfurt
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